
Schaurte Animation Studios präsentiert: Vom aleatorischen Verfahren auf DinA4 zur digitalen Animation auf dem iPad
17. Juli 2026Werfen wie ein Mädchen. Ein Satz, der zunächst wie ein Klischee klingt. Schon beim ersten Lesen kommt den meisten Menschen das Bild eines Mädchens in den Sinn, das mühevoll versucht einen Ball zu werfen – ohne gerichtetes Ziel, ohne Mut oder Wissen darüber, was es nun tun soll. Es ist ein Bild, geprägt von Klischees, die fest in der Gesellschaft verankert sind und bisweilen sogar zum Lachen bringen.
Näher betrachtet veranschaulicht es aber die Präsenz der Frau gegenüber der Welt. Schüchtern, zurückhaltend, ängstlich und aufschauend auf jemanden, der ihr erklären soll, was zu tun ist. Geprägt von derartigen Rollenerwartungen, Vorurteilen, sexueller Belästigung und Diskriminierung wird das Leben der Frau wie ein Würfelspiel der patriarchalen Gesellschaft betrachtet, das leicht kontrollierbar scheint. Doch dahinter steckt weitaus mehr als nur eine Weltsicht über die Frau. Ihre unfreiwillige Situation verändert nicht nur ihre Präsenz gegenüber der Welt, sondern auch gegenüber sich selbst.
In ihrem Essay „Werfen wie ein Mädchen. Ein Essay über weibliches Körperbewusstsein“, den wir im Philosophiekurs von Frau Balzert gelesen haben, wollte die Philosophin Iris Marion Young die Aufmerksamkeit auf das weibliche Körperbewusstsein und die damit einhergehenden zu bewältigenden Herausforderungen im Alltag richten, denen Frauen unfreiwillig ausgesetzt sind. Von naheliegenden Fragen wie „Was heißt denn nun ,werfen wie ein Mädchen´?“ und „Inwieweit unterscheidet sich der Wurf von dem eines Mannes?“ hin zu differenzierten Reflexionen über die aktuelle gesellschaftliche Lage philosophierten wir darüber, was Geschlechter voneinander unterscheidet und wie sich dies auf ihre körperlichen Fähigkeiten und Präsenz in der Welt auswirkt.
Zusammen reflektierten wir alltägliche Situationen und stießen dabei selbst auf geschlechterstereotype Verhaltensweisen. Dabei sind uns besonders Unterschiede in der Körpersprache aufgefallen. Während der Gespräche in unserem Lesekreis war etwa deutlich zu erkennen, wie Mädchen meist mit Beinen und Armen eng am Körper saßen und eine weniger offene Körperhaltung bewahrten, während Jungen dazu tendierten, eine lockere Haltung zu einzunehmen. Über den Unterricht hinaus stellten wir weitere Beobachtungen über die Thesen des Buches an. So etwa die These: „Frauen neigen nicht mit der Selbstverständlichkeit wie Männer dazu, ihren ganzen Körper bei einer körperlichen Aufgabe einzusetzen“ (S.19 Z. 22ff). Young begründet diese These mit dem fehlenden Vertrauen der Frauen in ihren Körper, sie ans Ziel zu bringen (vgl. S.21). Sie würden den Körper als zerbrechliches Ding, anstatt als Mittel, das sie ans Ziel bringen kann, erfahren (Vgl. S.21). Bei unserem Versuch, einen Ballwurf durchzuführen, fiel auch uns auf: die Mädchen tendieren weniger oft dazu, eine selbstbewusste Haltung zu finden und Platz im Raum einzunehmen.
Young referierte in diesem Zusammenhang außerdem auf den Philosophen Maurice Merleau-Ponty, der von einer generellen „Gehemmtheit“ der Frauen und der Angst, verletzt zu werden, spricht (vgl. 31). Young selbst betrachtet die Situation der Frau als wesentliche Ursache ihrer unfreiwillig zurückhaltenden Tendenz. Eine zentrale Rolle spielten dabei die wenigen Gelegenheiten zu einem freien und offenen Engagement im Alltag, Rollenerwartungen sowie die fehlende Ermutigung, sich körperlich zu beweisen, und darüber hinaus auch patriarchale Unterdrückung. Daraus folge ein Gefühl des Gehemmtseins und die Empfindung eines zerbrechlichen und unbeweglichen Körpers.
Über Jahrhunderte hinweg vermittelte die Gesellschaft dieses traditionelle Bild der Frau als Definition ihres Wesens.
Insgesamt hebt Young in ihrem Essay deutlich hervor, wie der Körper der Frau vielmehr als Objekt betrachtet wird, das von ihr „zurecht gestutzt, geformt, modelliert und dekoriert“ werden soll (vgl. S.44 Z.5), um eine von der patriarchalen Gesellschaft geschaffene Rolle zu erfüllen. Zugleich wird ihr der Glaube vermittelt, erst glücklich zu werden, sobald sie diese Rolle erfüllt. Es ist ein paradoxes Versprechen, dass Selbstverwirklichung mittels Unterdrückung erreicht werden soll – darin waren auch wir uns einig.
Nach der Lektüre des Essays wollen wir einen Blick auf die Zukunft werfen und stellen uns die Frage: Wird ein Mädchen jemals werfen können wie ein Junge? Und: wann darf ein Junge werfen wie ein Mädchen?

Wie sich Geschlechterstereotype in Form von Erwartungen alltäglich zeigen und dass diese – etwa durch die Erwartung, Gefühle unterdrücken zu müssen – auch für männlich identifizierte Personen eine Belastung darstellen können, zeigen diese von den Schüler*innen mit Hilfe von KI generierten Comics.
Ausgehend von der Analyse des Essays stellten sich die Schüler*innen zudem die Frage, ob die aus den 1980er Jahren stammende Analyse Youngs auch im Jahr 2026 noch zutrifft, und führten in diesem Zusammenhang eine Befragung in der Kölner Innenstadt durch.
Wie tief sitzen Geschlechterklischees heute noch in unseren Köpfen?
Für unsere Untersuchung zeigten wir Menschen unterschiedlichen Alters zwei Porträts: einen Mann und eine Frau. Beide blickten völlig neutral und fast ausdruckslos in die Kamera. Genau diese Leere und das Fehlen von jeglichen Emotionen in den Gesichtern machte das Experiment spannend, denn sie zwang die Befragten dazu, auf ihre eigenen Vorstellungen zurückzugreifen.
Unser Experiment bestand aus drei Schritten. Zuerst fragten wir nach drei spontanen Adjektiven. Klingt einfach, war es aber nicht. Viele mussten deutlich länger überlegen als erwartet. Gerade weil die Gesichter so wenig verrieten, wurde sichtbar, wie sehr wir üblicherweise darauf angewiesen sind, Menschen schnell einzuordnen. Schließlich tauchten immer wieder ähnliche Begriffe auf: Beide Personen wurden oft als „ernst“ oder „nichtssagend“ beschrieben, die Frau zusätzlich auch als „reizend“. Außerdem zeigte sich ein Unterschied zwischen den Generationen: Ältere Personen nannten oft schneller konkrete Eigenschaften, während jüngere Personen skeptischer waren. Sie hinterfragten eher den Sinn der Umfrage oder erkannten die Bilder, vor allem das des Mannes, schnell als KI-generiert, statt sofort zu urteilen.
Im zweiten Teil wollten wir wissen, wen man eher in einer verantwortungsvollen Führungsposition sieht. Hier fiel auf, dass die meisten gar keine klare Entscheidung treffen wollten. Viele sagten, dass sie beide einstellen würden. Niemand wurde grundsätzlich als ungeeignet wahrgenommen. Das deutet darauf hin, dass viele Menschen im beruflichen Kontext bewusst versuchen, fair und möglichst neutral zu urteilen, statt sich direkt von
Geschlechterklischees leiten zu lassen. Möglicherweise haben sich auch die Strukturen ein wenig verändert.
Besonders interessant wurde es bei der dritten Frage: „Wem würdet ihr eher ein persönliches Problem anvertrauen?“ Hier zeigte sich ein anderes Bild. Viele entschieden sich für das eigene Geschlecht, also Männer eher für den Mann und Frauen eher für die Frau. Gleichzeitig wurde die Frau insgesamt häufiger als empathischer wahrgenommen. Es wirkt, als würden wir im beruflichen Kontext inzwischen bewusster und neutraler urteilen, während bei persönlichen und emotionalen Fragen noch stärker nach Nähe und Vertrautheit entschieden wird.
Was lässt sich daraus mitnehmen? Unsere Umfrage zeigt, dass Geschlechterbilder nicht einfach verschwunden sind. Sie existieren immer noch in unseren Köpfen, manchmal offen, manchmal eher unbewusst. Der Unterschied ist vielleicht, dass viele Menschen heute schneller merken, wenn sie in solchen Mustern denken, und versuchen, sich dagegen zu wehren. Genau darin wird Youngs Gedanke greifbar: Geschlechterbilder beeinflussen nicht nur, wie wir uns bewegen oder verhalten, sondern auch, wie wir andere Menschen wahrnehmen. Selbst dann, wenn wir sie nur kurz sehen und eigentlich bewusst versuchen, nicht in solchen Mustern zu denken.
(Text 1: Maria Lavassa, Text 2: Helena Lenz, Titelbild: Tina Gras, Panita Thapbun, Comic: Nele Benter, Frida Weidemann, Theresa Großhans, Kemal Kural)




